1.000 Worte Hass – Die 10 besten „Die 10 besten“-Artikel

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Was bringt Klicks ohne Ende … Die 10 besten!

Was zieht User auf die Webseite wie die Motten ins Licht … Die 10 besten!

Was lockt die Menschen an wie ein Blutstropfen im Wasser den Hai … Die 10 besten!

Na gut, im Zweifelsfall auch noch „Die 10 lustigsten …“, „Die 10 dümmsten …“ oder „10 Dinge, die Du noch nicht über … Haarausfall, Ronaldo, Caro Daur oder sonst wen oder was wusstest“.

Die Listomania zieht ihre Kreise

Blogbeiträge, Newsartikel, Postings in Social Networks … überall habe ich den Eindruck, dass ich überzogen werde mit Bestenlisten, Top-10s und Auflistungen mehr oder weniger interessanter Fakten, Gerüchte, Sprüche, WhatsApp-Fails usw. Ich als User, das wissen die Ersteller solcher Listen, will informiert sein, habe aber nicht viel Zeit. Ich soll klicken, will die Informationen schnell präsentiert bekommen wie Donald Trump, der lange Memos ablehnt und alles bitte schön in Bullet Points präsentiert haben möchte.

Ich soll Engagement zeigen, kommentieren, teilen und gefälltmiren. Wo es früher noch ganz heftig hieß „Du wirst nicht glauben, was bei Sekunde 23 passiert!“ oder „Unglaublich, was dieses Kind mit seinem Papa erlebte“ sind die Content-Anbieter zu einer Art „Listomania“ übergegangen. Das wäre ja gar nicht mal so schlecht, wenn dabei so etwas Schönes wie der ähnlich benannte Song von Phoenix bei rumkommen würde.

Listenfrust: Nicht jede Liste macht satt

Generell ist gegen Listen an und für sich nichts einzuwenden. Eine Einkaufsliste ist sehr praktisch. Auch eine Liste, wie ich meinen Koffer am besten packe, ist durchaus sinnvoll. Aber eine Liste um der Liste willen, nervt einfach nur. Formulierungen wie „Die 10 besten“ suggerieren Qualität, doch der Inhalt beruht im Zweifelsfall alleine auf der persönlichen Einschätzung des Autors/der Autorin – oder wird freundlicherweise sogar als Paid Content von außerhalb gestellt. Was im Privaten früher Tapes oder selbst gebrannte CDs mit den tollsten Songs für die Liebste oder den Liebsten waren, wirkt im professionellen Content-Bereich oft beliebig.

Das fällt gerade im Online Marketing auf. „10 Tipps, wie Du 10x Content erzeugst.“ „10 Dinge, die Du als eMarketer unbedingt wissen solltest.“ „10 geheime Tricks, wie Du clever auf Social-Media-Kommentare antwortest.“ Und dann klickst Du spaßeshalber doch mal auf so einen Artikel (nur zur Recherche!) und liest ihn sogar bis zum Ende. Und danach geht es Dir wie auf einer Party, bei der die Gastgeber gesagt haben, für Speis und Trank sei gesorgt. Aber natürlich gibt es da nur ein paar Packungen Chips und das Bier ist um Halbelf alle. Kurz gesagt: Du bist alles andere als zufrieden.

Über Goldfische, Olli Geißen und die zehn größten Siri-Fails

Plattitüden, Plattitüden … Bibi stellt bei Youtube „Die 10 besten Lippenstifte“ vor, Buzzfeed die zehn größten Siri-Fails. Siri beantwortet Dir die Frage „Was sind die 10 besten Lippenstifte?“ mit einem Link zu Bibis Youtube-Video …  Was im Fernsehen mit Jahresrückblicken anfing und mittlerweile in Form des lustlos-lustigen Olli Geißen und seiner „Ultimativen Chartshow: Die 100 verrücktesten Chart-Hits“ („Auch auf CD! Wie haben Sie das ermittelt, Herr Ehrlacher? Komm, Atze, lass uns noch ein bisschen Topfschlagen spielen!“) im Wochentakt versendet wird, verstopft mir jetzt auch noch mein Internet!

Und warum? Weil die Aufmerksamkeitsspanne der Leser zurückgegangen ist, heißt es, muss man wissen. Gerne wird behauptet, sie sei auf Goldfischniveau gesunken. Blubb! Steht auf einer Infografik, die mal in einer Präsentation von Microsoft Canada zu sehen war. Auf dieser hier:

Sinken der Aufmerksamkeitsspanne

3 Ballons der Aufmerksamkeitsspanne (© Statistics Brain)

Der Goldfisch habe eine Aufmerksamkeitsspanne von neun Sekunden, der Durchschnittsmensch aufmerksamkeitsspannenmäßig zwischen 2000 und 2013 enorm abgebaut. Vier Sekunden hat er verloren: von zwölf Sekunden auf nur noch acht!! Ein Drittel weniger! Aber wenn er nur so kurz auf einer Seite verweilt …, kann das vielleicht nicht auch daran liegen, dass diese Seite einfach doof ist oder uninteressant, einen stinklangweiligen Einstieg hat, schlecht aufgebaut oder mit Ads vollgekleistert ist, oder nur die nächste dumme Auflistung? Oder sind wir alle Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom-Patienten? Wirklich? Dann lies bitte hier:

Die 10 besten Anzeichen dafür, dass Du ADHS hast!

  1. Du hast Schwierigkeiten, dieser Liste zu folgen.
  2. Du merkst, dass Du üöal tgejnhtz nipr4tg ich glaub ich hab Hunger.
  3. Oh, ein Fidget Spinner …

Die beste Content-Form, die immer funktioniert

Jede Null-Information wird schön kurz, bündig und userfreundlich in Listen aufgeteilt. Was beim Kochrezept funktioniert, klappt genauso gut mit jedem anderen Content bzw. Inhalt bzw. Nichts.

Das Rezept!

  1. Man nehme einen beliebigen Inhalt.
  2. Man recherchiere ein bisschen rum.
  3. Man füge die Infobruchstücke nach und nach zusammen.
  4. Man lasse alles ein wenig köcheln/anbraten/rumsimmern, bis es schön weich/durch/gar ist.
  5. Man schmeiße noch etwas Petersilie drauf. Als Dekoration.
  6. Man richte alles schön auf einem Teller an.
  7. Man serviere den Fraß bei Kerzenschein, da sieht man nicht so gut.

Überhaupt das Wort „Content“. Wenn man vom Englischen ausgeht, bedeutet das nichts anderes als „Inhalt“. Inhalt ist, wenn irgendetwas irgendwo drin ist. Ob das jetzt in einem Text ist oder ob ich einfach in meinem Auto sitze: Alles ist Inhalt. Aber muss alles als Inhalt bezeichnet werden? Und ist jeder Inhalt wirklich notwendig?

Könnten wir „Content“ nicht im Sinne des Französischen ansehen? Dort gibt es das wunderschöne Adjektiv „content/e“. Und das bedeutet ins Deutsche übersetzt: „erfreut“, „froh“, „zufrieden“, „wunschlos“. In Verbindung mit einem „très“ wird „content/e“, sogar zu einem „heilfroh“, was dann wahrscheinlich Rand Fishkins Triple-X-Content entspricht. Oder sogar 10x Content? Hier die 10 besten x Contents!“

Die beste Antwort auf die 10 besten …


Aber da sind wir wieder bei der alten Frage: Was macht einen guten Text aus? Und dazu gibt es abertausende Regalmeter an Literatur und gewisse Grundregeln. Aber auch in Zeiten, in denen Messbarkeit als Goldenes Kalb umtanzt wird, ist es schwierig, etwas Komplexes wie einen Text nach Punktzahl zu bewerten. Nicht falsch verstehen: Daten, zumal, wenn sie gut ausgewertet sind, sind ein wertvolles Werkzeug im Marketing. Aber wie bewertet man rein objektiv und datenbezogen einen Text? Sicher, in der Schule gibt es für jede Klausur eine Schulnote, die nach gewissen Bewertungskriterien erstellt wird.

Aber das einzige in konkreten Zahlen Messbare ist dabei die Zahl der Rechtschreibfehler und die gegebene Note. Der Rest der Bewertung ergibt sich aus so unterschiedlichen wie interpretierbaren Kriterien wie dem gezeigten Textverständnis, einer sinnvollen Argumentationskette, einem ausgefeilten Stil, dem Gebrauch adäquater Wörter, der Sprach- bzw. Schreibfähigkeit allgemein und – ganz normal, wenn ein Mensch einen anderen bewertet – der einander entgegengebrachten Sympathie. So. Und jetzt erstelle man daraus bitte einen Algorithmus. Nein, besser nicht einen, sondern die 10 besten Algorithmen!

Noch ein kurzer Nachtrag: Der Kollege Robert Nagel (siehe die Kommentarspalte) ist mir bereits 2015 zuvor gekommen und hat über das Problem „Content um des Contents willen“ einen feinen Beitrag geschrieben, den Ihr hier lesen könnt: „Willkommen im Content-Tsunami“. Lohnt sich!

Das war Teil 2 der unregelmäßigen Kolumne „1.000 Worte Hass“. Hier lassen andere Kollegen von spacedealer und ich ein bisschen zugespitzt und böse Dampf ab. Ich freue mich darauf, Eure Meinung zu hören. Klatscht mir Eure Argumente und Gegenargumente um die Ohren oder jubelt mir zu, „weil: Endlich sagt es mal einer!“ Schickt mir Eure 10 besten Listenartikel oder einfach eine „Best-Of-Bravohits“-CD! Erklärt mir die noch größeren Zusammenhänge und nicht vergessen in den Replies: Sagt mir, ob Eure Aufmerksamkeitsspanne bis zum Ende des Artikels gereicht hat oder Ihr Goldfische schon nach neun Sekunden weggeklickt habt!

Ach ja: Teilen dürft Ihr den Artikel natürlich auch gerne.

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Über den Autor

Nach geisteswissenschaftlichem Studium, Gründung eines eigenen Verlags, der bescheiden GROSSKONZERN getauft wurde, Buchveröffentlichungen als Autor und Verleger sowie einer Karriere als Online-Redakteur in Start-ups, bei ulmen.tv und woanders, schreibt Florian nun Qualitätstexte aller Art für die Kunden von spacedealer.

7 Kommentare

  1. Pingback Die Artikelparade mit Empfehlungen aus dem Juli 2017 - Frau Schmitt Schreibt

  2. Volle Zustimmung!

    Es gibt wenige rühmliche Ausnahmen, wo die scheinbar listreiche Listenhaftigkeit eine Existenzberechtigung hat. Ansonsten nervt es nur noch. Ich habe 2015 eine ganz ähnliche Grundstimmung einmal so formuliert:

    „Um das Format ‚Listicle‘ gibt es zu Recht eine Qualitätsdebatte. Während die Fans auf die Performance der zahlengespickten Headlines und die unkomplizierte Erstellung dieser Beiträge hinweisen, sehen andere in dem ganzen Format nichts weniger als die Bankrotterklärung journalistischer Qualitätsstandards in Tateinheit mit Faulheit. Denn oft versteckt sich hinter der großspurig angekündigten Information – zum Beispiel, wie ich den Traffic meiner Website in sieben magischen Schritten entscheidend erhöhen kann – nichtiges Allgemeinwissen. Die Info etwa, ich benötigte eine leicht zu merkende URL, oder es sei sinnvoll, meinen Artikeln eine aussagekräftige Überschrift zukommen zu lassen, hatte ich vorher auch schon. So scheitern Listicles oft nicht nur an der Banalität der Themen, sondern an ihrer eigenen Banalität; komplexe Themen lassen sich so natürlich von vornherein nur schwer darstellen.“

    Ich denke, im Großen und Ganzen habe ich nur mit der Behauptung unrecht, es gäbe überhaupt eine Qualitätsdebatte. Irgendwie scheint man das Listicle-Debakel achselzuckend einfach nur noch unwidersprochen hinzunehmen. But hey, who has time, hm?

    • Danke Robert,

      für den ausführlichen Kommentar. Mir geht es ganz ähnlich wie Dir. Die meisten Auflistungen – das Thema ist eigentlich unerheblich und reicht von Online-Marketing-Sachen bis hin zu Job- und Bewerbungstipps sowie „10 Dinge, die Du noch nicht über xxx wusstest“ – strotzen vor Null-Aussagen, bekanntem Wissen und Schaumschlägerei.

      Schade, dass es anscheinend wirklich meistens nur mit einem Achselzucken hingenommen wird.

  3. Standing Ovations. Wenn ich eine „1000 unschlagbare Gründe“ Überschrift tippe, muss ich danach Hände waschen. Ich komme mir vor wie ein klickhungriger Trickbetrüger.

    Allerdings: Tippsammlungen müssen nicht schrottig sein. Für manche Themen sind sie das Kronjuwel-Format. Und sie werden wie bescheuert geklickt.

    Ich fahre jetzt einen Kompromiss: Ich mache Listen für Schnell-Leser – und packe sie in komplexere Artikel für Tiefleser. Und WENN die Liste Headline-Thema ist, dann nicht im Standardformat „Die 50 besten Klöppeltipps aller Zeiten“. Ich hatte neulich: „5 Dialogbooster: Besieg die Prinzessin in dir und schreib endlich für deine Kunden“.

    Zurück zu deiner Tirade: Du rantest mir aus der Seele. Danke dafür.

  4. Matthias Hoberth

    Danke für diese Brandrede 😉 gegen das Listenunwesen! Wann erscheint Ihre nächste Kolumne?

    Gruß!
    Matthias Hoberth

    • Vielen Dank, Herr Hoberth, für Ihr Textlob!

      Wann die nächste Kolumne „1.000 Worte Hass“ erscheint, kann ich Ihnen leider noch nicht sagen. Normalerweise muss ich da immer ein wenig warten, bis sich genug aufgestaut hat.

      Besten Gruß!
      Florian Lamp

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